Wann
Wo
An der Wolfsweide 58, Frankfurt am Main-Preungesheim, 60435
Fließende Grenzen zwischen Klassik und Jazz
Shinnosuke Inugai eröffnet den Abend mit klassischen Werken, die sich auch im Jazz wiederfinden – Bach, Scarlatti, Kapustin, Debussy – sowie seinen herausragenden Improvisationen, aus dem Stegreif musikalische Klangwelten, die sich jeder Kategorie entziehen – persönlich, berührend und stets überraschend.
Zum 50-jährigen Jubiläum widmet sich Benjamin Schatz nach der Pause einem der bekanntesten Klavieraufnahmen in der Geschichte des Jazz: Keith Jarrett „The Köln Concert“. 1975 in der Kölner Oper uraufgeführt, hat es seither Millionen Fans begeistert. Der Pianist aus Wien interpretiert dieses legendäre Werk mit Feingefühl und einem tiefen Gespür für dessen emotionale Kraft. Sein Spiel versteht sich nicht als bloße Nachbildung, sondern als lebendige Hommage – ganz im Geiste der Spontaneität, die das Original so berühmt gemacht hat.
In diesem Zusammenhang möchte ich auf den Kinofilm „Köln 75“ hinweisen; er erzählt die unglaubliche Entstehungsgeschichte des Konzerts, das wir der atemberaubenden Beharrlichkeit einer 18-Jährigen zu verdanken haben.
Fünf Spiegel des Augenblicks
Bach – Scarlatti ‒ Debussy ‒ Kapustin ‒ Jarrett
Bach: Präludium in C-Dur, BWV 846
Bachs Präludium ist reine Harmonie in Bewegung ‒ kein Thema, kein Motiv, nur ein stetiger Fluss von gleichmäßig ruhig arpeggierten Akkorden, der wie Atem wirkt und sich fort und fort moduliert. Weniger ein zielgerichtetes Stück als ein Zustand. Bach denkt die Musik als Raum, durch den sich die Harmonik bewegt, ein improvisierter Weg durch Tonarten und Farben. Diese Idee, Musik als wandernde Spannung und Auflösung, wird später zur Grundlage des
Jazz. Aus Ordnung entsteht Freiheit.
Scarlatti: 2 Sonaten, c-Moll und h-Moll
Bei Domenico Scarlatti verdichtet sich Bewegung zum Augenblick. Seine Cembalosonaten sind funkelnde Miniaturen aus Klang und Geste, spontan und präzise zugleich. Wo Bach baut, tastet Scarlatti ‒ neugierig, körperlich, frei. Seine Musik denkt nicht in Entwicklung, sondern in Präsenz: jede Wendung ist Entscheidung, jeder Klang ist jetzt. Der Virtuose wird zum Denkenden, das Ornament zum Gedankenblitz.
Debussy: La plus que lente
Über ein Jahrhundert später hört Debussy der Zeit selbst zu. La plus que lente ‒ „noch langsamer als langsam“ – ist eine ironische Anspielung auf den damals populären langsamen Walzer. Dieser Walzer träumt, schwebt, der Rhythmus löst sich, das Tempo wird Empfindung. Debussy verwandelt Bewegung in Schweben, Ironie in Sehnsucht. Der Tanz blickt in den Spiegel und lächelt.
Lassen Sie mich noch kurz etwas zur Entstehungsgeschichte dieses Werkes sagen, zu seinem sehr persönlichen, ja intimen Hintergrund:
Im Jahr 1905 hatte Debussy eine kurze, intensive Liebesbeziehung zu Camille Claudel, der berühmten Bildhauerin, Muse und Schülerin Rodins. In ihrer Biographie findet sich eine anrührende Szene: Das Paar tanzt durch die nächtlichen Straßen von Paris, eng aneinander geschmiegt, langsam und noch langsamer im Rhythmus imaginierter Klänge eines Walzers.
In Erinnerung an diesen Walzer schuf Camille ihr persönlichstes, intimstes Werk, eine Skulptur, Debussy wiederum hielt seine Erinnerung in dieser zauberischen Komposition fest. La Plus que lente.
Kapustin: Klaviersonate Nr. 2, op. 54
Und schließlich vereint Kapustin zwei Welten, die klassische, strukturelle Logik und die improvisatorischeFreiheit des Jazz. Seine zweite Klaviersonate klingt, als entstamme sie einem einzigen, inspirierten Moment und ist doch streng gebaut. Hier wird der Rhythmus selbst zum Formprinzip, das spontane Denken zur strukturellen Klarheit. Kapustin komponiert, wie ein Jazzpianist improvisiert: logisch, lebendig, frei.
Keith Jarrett: The Köln Concert
Jarrett verwandelt ein Solo-Konzert in eine Welt aus Klang und Moment.Improvisation ist hier nicht Mittel zum Zweck, sondern das Wesen der Musik selbst: jeder Ton entsteht im Jetzt, jeder Akkord atmet, jede Linie lebt. Einschränkungen ‒ ein unvollkommener Flügel, ein unbekannter Raum ‒ werden zu Inspirationsquelle, zu spontaner Kreativität. Das Gefühl ist unmittelbar: Freude, Melancholie, Staunen, Freiheit.
Wie Bach Harmonie schafft, Scarlatti Bewegung, Debussy Schweben und Kapustin rhythmische Logik, so schafft Jarrett Klang als Erlebnis ‒ lebendig, gegenwärtig, unendlich intim.
Fassen wir zusammen: Bach ordnet den Klang, Scarlatti entfacht ihn, Debussy lässt ihn schweben, Kapustin tanzen, Jarrett lässt ihn atmen. Fünf Stimmen, ein Gedanke: Musik ist nie Vergangenheit. Sie ist immer ein Jetzt ‒ der Augenblick, in dem Klang zu Bewusstsein wird.